„Die Toten mahnen – denkt an Buchenwald“ J. R. Becher
— vom 20. April 2015

Bericht zum 70. Jahrestag der Selbstbefreiung im Konzentrationslager Buchenwald

Am 11. April 1945 befreiten sich die Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald selbst. Das Konzentrationslager Buchenwald war eines der größten Lager, die unter dem nationalsozialistischen Regime errichtet wurden, um Leben auszulöschen. An diesem Ort und an vielen anderen herrschte die Willkür, Menschen „zu erschießen, zertrampeln, vergasen, wegzuspritzen, zu erhängen…“ [Angehörige ehemaliger polnischer und französischer Häftlinge].

Mit diesen Worten stehen wir, Jugendliche und Antifaschist*innen, am frühen Morgen vor dem neu gepflanzten „Kinderbaum“ für die unzähligen ermordeten Kinder. Nicht fern von uns der Baum für Marcel Dassault, ein ehemaliger Häftling, dessen Angehörige*r uns in diesen knappen Worten die Gräuel nur allzu deutlich werden lässt. Viele der Zeitzeug*innen waren Kinder, als sie nach Buchenwald, Mittelbau-Dora oder in die zahlreichen Außenlager kamen. Sie sind die letzten, welche uns ihre Geschichte gegen das Vergessen erzählen können. Am 19. April 1945 versammelten sich ehemalige Häftlinge des selbstbefreiten Konzentrationslagers Buchenwald zu einer Trauerkundgebung für ihre ermordeten Freunde und erklärten: „Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Apellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens:

Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! 

Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.” [Auszug aus dem Schwur von Buchenwald vom 19.4.1945]

Viele der ehemaligen Häftlinge, die in jungen Jahren oder als Erwachsene in die Lager kamen, sind verstorben. An ihre Stelle treten nun die Nachkommen und Angehörigen. Sie versuchen im Sinne ihrer Eltern und Verwandten gleichfalls zu handeln, den Faschismus zu bekämpfen und nicht zu vergessen.

Ein Kind in Buchenwald war Marian Kaminsky, ein polnischer Jude, der vor fünfzig Jahren nach Israel auswanderte. Marian Kaminsky wurde 1933 geboren, in Dęblin in Polen als Maniek Kaminski.

Auf dem Ettersberg erzählt er uns seine Geschichte als Zeitzeuge

Er wohnt nun in Israel und wurde eigentlich in Polen geboren. Er spricht auf polnisch und sagt, dass er diese Sprache nicht mehr gut beherrsche, da er Hebräisch spricht, nicht er habe seinen Kindern diese Sprache beigebracht, sondern seine Kinder ihm. Seine Großeltern besaßen ein Teehaus und eine Bäckerei, in der sowohl sie als auch seine Eltern arbeiteten, er selbst besuchte zwei Jahre lang eine Cheder (jüdische Schule), wo er Hebräisch lernte sowie die Grundlagen des jüdischen Glaubens.

Am 15. August besetzte die deutsche Wehrmacht Dęblin. Ein Jahr darauf im November wird Marian sowie seine Familie und alle jüdischen Bewohner Dęblins im Ghetto Dęblin-Irena einquartiert. Er berichtet uns, dass ihm diese Zeit so vorkommt, als ob er uns aus einem Traum berichtet. Er kann sich noch daran erinnern, dass seine Mutter ihm das Essen vorbereitete, welches er sich warm machen musste. Seine Mutter verrichtet in einer Gärtnerei und der Vater im Transportbereich Zwangsarbeit. Durch die Arbeit des Vaters als Kutscher kamen sie hin und wieder an etwas mehr zu Essen, da er auch Lebensmittel transportierte. Maniek schlich von Zeit zu Zeit aus dem Lager, um Kartoffeln zu stehlen, dies ging einige Zeit gut, bis er erwischt und geschlagen wurde, danach verließ er das Lager nicht mehr.

Im Jahr 1943 wurden die Familie getrennt und er kam mit seiner Mutter in das Arbeitslager der Rüstungsfabrik HASAG Warta, in diesem Lager wurde Munition für Maschinengewehre hergestellt und sein Vater in das Werk HASAG Rakow, beide in Częstochowa. Das Werk HASAG Rakow war eine Gießerei, die der Stahlproduktion diente. Die Kinder aus dem Ghetto Dęblin-Irena wurden in zwei Gruppen unterteilt, sie wurden auf Viehwagons ohne Verdeck abtransportiert. Jedem Wagon wurde ein bewaffneter Wehrmachtssoldat zugeteilt. Als sie ankamen wurden sie in ein Magazin gesteckt, wobei längs durch den Raum ein Zaun ging. Auf der rechten Seite standen die Kinder auf der linken Seite wurden Lebensmittel gelagert. Mit einem Stock gelang es den Kindern sich ein Stück Butter von den Lebensmittel zu stehlen. Als sie aus dem Magazin zu den Erwachsenen gebracht wurden, waren die Kinder aus der anderen Gruppe nicht mehr da. Als sie nachfragten wurde ihnen gesagt, die anderen Kinder seien in ein Sommercamp gefahren, die erwachsenen Häftlinge erklärten den Kindern später, dass die erste Gruppe von Kindern umbegracht wurde. Der Lagerführer hatte eine Frau, die schwanger war und es gab eine Hebamme im Lager, diese sollte das Kind zur Welt bringen. Die Hebamme sagte dem Lagerführer, dass sie dies nur mache, wenn die Kinder aus der zweiten Gruppe am Leben blieben. Der Lagerführer willigte ein, dass wenn das Kind gesund zur Welt kommt, die Kinder aus der zweiten Gruppe am Leben blieben. Die Kinder mussten sich am Tag unter den Betten aufhalten und am Abend durfte er zu seiner Mutter ins Bett. Obwohl Marian schon größer war hat er jede Nacht ins Bett gemacht, das fand der Mensch, der unter ihm schlief nicht so toll. Er und seine Mutter haben dann die Bettseite gewechselt, so das er weiter schlafen konnte. Mit 11 Jahren war er alt genug um zu arbeiten. Er kam in eine Munitionsfabrik, dort musste er die Patronenhülsen aufsammeln, die bei der Produktion aus der Maschine fielen. Er erzählte uns, dass er damals schon schlau war, er sammelte nie alle Patronenhülsen auf, sonder warf immer wieder welche in Ecken und Kanten, so das er immer etwas zu tun hatte. Damit hatten sie keinen Grund ihn umzubringen, da er ja noch kein fester Mitarbeiter war. Als sie ihn erwischten war er schon ein fester Mitarbeiter.

Als die Rote Armee weiter vorrückte wurden die Arbeitslager in Częstochowa geräumt. In der Nacht erreichten sie ihr Ziel als sie aus den Wagons kamen und in einen großen Trog mit einer Flüssigkeit getaucht wurden. Marian nimmt an das es sich um die Desinfektion handelt. Er war zusammen mit seinem Onkel Chaym im Konzentrationslager Buchenwald angekommen. Es war Winter und er erzählt uns, dass ihm nie kalt war, wahrscheinlich weil sein Onkel sich immer um warme Kleidung für ihn bemühte. Nach einiger Zeit im Lager erfuhr er, dass sein Vater ebenfalls in Buchenwald angekommen war. Die Nazis hatten zudem die gesamte Fabrik evakuiert, in der sie zuvor gearbeitet hatten. Von da an war er nicht mehr allein, da er seinen Vater hatte. Gegenseitig haben sie sich mehrere Male das Leben gerettet. Der Vater stand eines Tages auf der Liste für die Arbeit in einem Außenlager, von da kamen jedoch nur die wenigsten wieder zurück. Für die Arbeit in dem Außenlager erhielt jede*r eine Ausrüstung, diese bestand aus einem Mantel und einer langen Unterhose. Marian erfuhr davon und ging zu dem Listenverantwortlichen, dieser war ein Tscheche, der wiederum Polnisch sprechen konnte, dort weinte Marian bis der Listenverantwortliche seinen Vater von der Liste nahm. Den Mantel verkauften sie gegen Zuckerstücke. Der Zucker, so erklärt er uns, kam durch die Bombardierung ins Lager, die Zwangsarbeiter in Weimar stahlen bei der Bombardierung die Sachen. Sein Vater war dreimal auf der Liste und dreimal ging er zu dem Häftling und dreimal wurde sein Vater von der Liste gestrichen. Eigentlich war Marian im „Kinderblock“ Block 66 – dort wurden die elf bis 16jährigen untergebracht, da er aber viel lieber bei seinem Vater sein wollte hielt er sich die ganze Zeit auch da auf. Er weiß noch ganz genau, dass er nie Hunger hatte, da er so sehr daran gewohnt war nichts zu essen zu haben, ebenso wie an den Anblick der Leichen. Im Lagerbereich für die französischen Kriegsgefangenen fragte er oft nach Essen, diese hatten eine bessere Verpflegung als die russischen Kriegsgefangenen und durften zudem Pakete von zu Hause erhalten. Einmal stellte er sich zu den französischen Kriegsgefangenen und stand einfach nur da mit gesengten Kopf, sonst ging er immer umher und fragte. Er stand eine ganze Weile so auf einer Stelle bis ein französischer Häftling ihm eine riesengroße Wurst gab. Einmal in dieser Zeit war sein Vater sehr böse auf ihn gewesen, da er auf ein Stück Brot aufpassen sollte und er passte wirklich gut darauf auf, denn er setzte sich auf das Brot und verharrte so die ganze Zeit bis sein Vater wieder zurück war. Als sein Vater wiederkam war das Brot verschwunden, bis heute würde er gerne wissen wie das geschehen ist und den Menschen kennenlernen, der es geschafft hatte ihm das Brot zu stehlen.

Am Tag der Befreiung sollte sein Vater mit anderen Häftlingen wegmarschieren. Sie verließen das Lager und er stand da und schaute lange hinterher. Nach einer Weile kamen sie ins Lager zurück und schrien „Wir sind frei!“ immer und immer wieder. Die Wachmänner verließen ihre Posten und flohen. Als die amerikanischen Truppen in das Lager kamen, führte er diese, unter ihnen hochrangige Militärs, durch das Lager und zeigte ihnen alles. Einer der hoch dekorierten Militärs wollte ihn mit in die USA nehmen, er lehnte das Angebot ab, da er nach Polen zu seiner Mutter wollte. Die amerikanische Soldaten waren sehr gut versorgt und die Kinder haben von den Soldaten den Proviant gestohlen, darunter Kuchen und Schokolade. Sein Vater und andere Häftlinge sind in die Dörfer und in die Stadt gegangen, um mit Gewalt Essen zu besorgen. Das erste richtige Essen nach der Befreiung war Rührei, für drei Personen haben sie aus dreißig Eiern Rührei hergestellt. Es war das beste Rührei, das er je in seinem Leben gegessen hat. Aus politischen Gründen sind er und sein Vater wieder nach Polen gegangen und um seine Mutter wiederzufinden. Der Vater hatte von den Deutschen einen wunderschönen Pelz gestohlen, den er seiner Frau schenken wollte, wenn sie sich wiedersehen. Sie sind wieder mit dem Zug nach Polen gefahren, diesmal in einem ganz normalen Zug mit Sitzplätzen, jedoch durften sie nur auf dem Gang sitzen. In ihrer Stadt angekommen wollten die Polen ihnen ihr Haus nicht zurückgeben, stattdessen haben sie in Niederschlesien wieder angefangen, jüdische Menschen zu verfolgen. Seine Großeltern hatten sich beim Bäcker in Dęblin gegen Geld versteckt, sie wurden von eben diesem an die SS verraten und umgebracht. Von seiner Familie sind nur noch sein Vater, seine Mutter und ganz wenige übrig geblieben. Auf die Frage hin ob er wütend gewesen sei oder Hass empfunden habe, antwortete Marian: Sie haben nach dem Krieg und als sie ihr altes Haus nicht zurück bekamen ein neues Haus bekommen, worin ein ehemaliger SS-Offizier wohnte. Sie lebten gemeinsam in diesem Haus und teilten sich das Essen. Es gab keine Gefühle, es war so: er war am Leben, er hatte einfach gar keine Gefühle gegenüber den Deutschen, denn die Vergangenheit liegt eher wie in einem Nebel.

In Polen hat er gelebt und studiert, er wollte das andere Leben hinter sich lassen und ein neues anfangen. Später ist er dann nach Israel gegangen, seine Tochter, die vor zwei Jahren ein Buch in Italien über ihn veröffentlich hat, wurde auf dem Weg nach Israel geboren. Er berichtet uns am Schluss noch davon, dass er lange nicht sehr gut schlafen konnte, da er von Alpträumen geplagt wurde. In diesen Träumen fällt er und fühlt sich, als ob er verfolgt wird. Mit diesem Problem ging er zu einer Ärztin und diese fragte ihn ganz verdutzt, ob er keine Schlafmittel nehme. Seitdem kann er sehr gut schlafen und vergisst, was sehr gut im Schlaf ist.